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Das Macht-Paradox - Wie wir Einfluss gewinnen - oder verlieren
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Das Macht-Paradox - Wie wir Einfluss gewinnen - oder verlieren
von: Dacher Keltner
Campus Verlag, 2016
ISBN: 9783593424989
205 Seiten, Download: KB
 
Format: EPUB, PDF
geeignet für: geeignet für alle DRM-fähigen eReader PC, MAC, Laptop Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen Apple iPad, Android Tablet PC's

Typ: A (einfacher Zugriff)

 

 
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Leseprobe

EINLEITUNG


Unser Leben wird von Verhaltensmustern geprägt: Wie wir essen, trinken, schlafen oder uns entscheiden, ob wir fliehen oder kämpfen, wenn ein Feind auftaucht, ist für unser persönliches Überleben entscheidend. Wie wir uns bei der Liebeswerbung verhalten, bei Zuneigung und Sex, in Konflikten, beim Spiel, in kreativen Momenten, im Familienleben und bei beruflicher Zusammenarbeit, ist für unser kollektives Überleben entscheidend. Unsere Lebenserfahrung befähigt uns, diese Verhaltensmuster zu erkennen und sie zu festen Bausteinen unserer Lebensgeschichte zu machen.

In diesem Buch geht es um einen Zusammenhang des sozialen Lebens, der unser alltägliches Miteinander ausmacht und bestimmt, worauf unser Leben letzten Endes hinausläuft. Er hat tief gehende Auswirkungen darauf, ob wir eine Liebesaffäre beginnen, die Gesetze brechen, unter Panikattacken leiden, von Depressionen niedergeworfen werden, früh an einer chronischen Krankheit sterben, einen Sinn im Leben finden und uns verwirklichen. Dieser Zusammenhang prägt unsere Verhaltensmuster. Er ist das Thema der wissenschaftlichen Studien, die ich während der letzten 20 Jahre durchgeführt habe und kann mit dem Begriff »Macht-Paradox« überschrieben werden.

Das Macht-Paradox besteht in Folgendem: Wenn unsere Macht und unser Einfluss zunehmen, versuchen wir, mit den besten Fähigkeiten, die unsere menschliche Natur zu bieten hat, etwas zu bewirken und etwas in der Welt zu verändern. Die Fähigkeit, etwas zu bewirken, drückt sich darin aus, dass wir das Leben der anderen verändern. Aber wir verlieren die Macht wieder aufgrund unserer schlimmsten Fähigkeit: In einer paradoxen Wende verleitet uns das Bewusstsein, über Macht und Privilegien zu verfügen, zu Machtmissbrauch. In unseren dunkelsten Momenten ähnelt unser Verhalten dann dem triebgesteuerter Soziopathen, die außer Kontrolle geraten sind.

Wie wir mit diesem Macht-Paradox umgehen, bestimmt unser persönliches Leben und unser Verhalten bei der Arbeit und entscheidet letztlich, wie glücklich wir und die Menschen sind, für die wir sorgen. Es bestimmt unsere Empathie, Großzügigkeit, Höflichkeit, Innovationsfähigkeit, intellektuelle Strenge sowie die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, womit es Einfluss auf die Stärke unserer Gemeinschaften und sozialen Netze hat. (Gemeint sind reale Netze von Personen.1) Mit anderen Worten: Die sich langsam aufbauende Wirkung der Macht formt die Verhaltensmuster, die unseren Familien, unserem sozialen Umfeld und dem Arbeitsplatz die Struktur geben. Macht bestimmt aber auch die größeren Strukturen sozialer Organisation, also die Gesellschaft als Ganze mit all ihren aktuellen politischen Kämpfen. Macht und Machtmissbrauch sind verantwortlich für sexuelle Gewalt, Missachtung und Diskriminierung von Minderheiten, systembedingte Armut und gesellschaftliche Ungleichheit. Mit dem Macht-Paradox gut umgehen zu können, ist grundlegend für die Gesundheit unserer Gesellschaft.

Als ich vor 20 Jahren mit meinen Untersuchungen begann, war ich zunächst einmal mit der Frage Was ist Macht? konfrontiert. Um das Macht-Paradox zu überlisten, müssen wir wissen, was Macht eigentlich ist. Die erste Überraschung bei meinen Forschungen war, dass das Machtverständnis unserer Kultur tief und nachhaltig von einer einzigen Person bestimmt wurde: dem Florentiner Niccolò Machiavelli, der 1513, also im Zeitalter der Renaissance, ein Buch mit dem Titel Il Principe (Der Fürst) verfasst hat, in dem er argumentiert, dass Macht im Wesentlichen mit Stärke, Betrug, Unbarmherzigkeit und strategischer Gewalt zu tun hat.2 In der Nachfolge Machiavellis setzte sich die Haltung durch, Macht mit Akten von besonderem Zwang und heftiger Gewalt gleichzusetzen. Macht ist demnach das, was die »großen« Diktatoren ausüben. Macht verkörpert sich in Generälen, die auf dem Schlachtfeld Entscheidungen treffen, in Geschäftsleuten, die feindliche Übernahmen planen, in Mitarbeitern, die ihre Kollegen opfern, um ihre eigene Karriere zu fördern und in Raufbolden auf dem Spielplatz der Schule, die kleinere Kinder quälen.

Dieses Bild der Macht lässt sich allerdings bei sorgfältiger Analyse heute nicht mehr halten. Denn es kann viele wichtige Entwicklungen in der Geschichte der Menschheit nicht erklären: die Abschaffung der Sklaverei, den Sturz von Diktatoren, das Ende der Apartheid, den Aufstieg der Bürgerrechte und der Rechte der Frauen oder die Bewegungen, die Homosexuellen zu ihren Rechten verhalfen, um nur ein paar wenige zu nennen. Das alte Bild der Macht kann auch die großen sozialen Veränderungen nicht erklären, die die Entdeckungen der Naturwissenschaft, der medizinische Fortschritt, die Antibabypille, neue Gesetze zum Schutz der Machtlosen, bedeutende Filme, radikale Gemälde und Romane sowie die sozialen Medien gebracht haben. Am entscheidendsten ist aber vermutlich, dass uns die Gleichsetzung von Macht mit Gewalt und Betrug blind dafür macht, wie sehr Macht in unserem Alltag verbreitet ist und unser Miteinander bestimmt.

Macht besitzen, heißt die Welt verändern zu können


Seit Machiavelli und der Renaissance hat sich die Gesellschaft also dramatisch verändert, und zwar in einer Weise, die uns zwingt, die ausgediente Definition von Macht fallenzulassen. Es wird uns eher gelingen, das Macht-Paradox zu überlisten, wenn wir unser Denken erweitern und Macht als die Fähigkeit definieren, etwas in der Welt zu verändern, insbesondere, indem wir mithilfe der Macht andere in unseren sozialen Netzen aufrütteln.

Nach dieser neuen Definition ist Macht nicht auf ganz besondere Menschen beschränkt, also weder auf grausame Diktatoren noch hochrangige Politiker oder die Reichen und Berühmten des Jet-Sets, die in der Öffentlichkeit stehen. Macht kommt auch nicht nur in besonders dramatischen Augenblicken der Geschichte zum Tragen oder existiert nicht nur in Sitzungssälen, auf den Schlachtfeldern oder am Kabinettstisch. Vielmehr bestimmt sie das Leben aller Menschen und spielt auch bei alltäglichen Handlungen eine Rolle, ja nahezu in jeder Interaktion und in jeder Beziehung − sei es beim Versuch, eine Zweijährige dazu zu bewegen, frisches Gemüse zu essen, oder eine sture Kollegin dazu zu bringen, ihr Bestes zu geben. Macht ist im Spiel, wenn wir jemandem Chancen eröffnen und wenn wir einem Freund die richtigen Fragen stellen, um sein kreatives Denken anzuheizen, oder wenn wir die zerrütteten Nerven eines Kollegen beruhigen und wenn wir einem jungen Menschen Mittel zur Verfügung stellen, der gerade versucht, seinen Weg zu machen. Die Dynamik der Macht und die Formen der gegenseitigen Beeinflussung definieren, was zwischen Fötus und Mutter geschieht, zwischen Kind und Eltern, in Kinderfreundschaften, bei Teenies und den Arbeitskollegen ebenso, bei liebenden Paaren wie bei Gruppen, in denen es Konflikte gibt.

Macht ist das Mittel, durch das wir uns aufeinander beziehen. Macht führt dazu, dass wir die Welt gestalten, indem wir andere beeinflussen.

Macht wird uns von anderen verliehen


Wie kommen wir zu Macht? Wie kommen wir dazu, die Welt verändern zu können? Die alte machiavellistische Philosophie hält Macht für etwas, was man ergreift. Die Berichte von »Machtergreifungen« haben zu großer (und nicht ganz so großer) Literatur und Kunst geführt. Es ist faszinierend, von raffinierten Manipulationen und dem blutigen Abschlachten von Rivalen und Verbündeten zu lesen. Aber Macbeth, Julius Cäsar, Der Pate oder – neueren Datums – House of Cards sind Gestalten aus der Vergangenheit beziehungsweise der Fiktion und erzählen wenig davon, wie Menschen im 21. Jahrhundert Macht ausüben.3 Die neuen Überlegungen zur Macht haben gezeigt, dass wir sie nicht rauben, sondern dass sie uns von anderen verliehen wird. Wir gewinnen Macht, wenn wir Wege finden, das Leben anderer in unseren sozialen Netzen zu verbessern: Unsere Macht wird uns von anderen gewährt − bei der Arbeit, in sozialen Organisationen der verschiedensten Art, in Freundschaften, in Liebesbeziehungen und in der Familie.

Es ist ein zentraler Entwicklungsschritt der menschlichen Evolution, dass vertikale Hierarchien (die wir heute noch bei unseren Verwandten unter den Primaten beobachten können – oder auch beim Militär) durch horizontale Muster sozialer Organisation ersetzt werden. Die Jäger und Sammler (die es immer noch gibt) lebten in kleinen Gruppen, die für die menschliche Evolution typisch waren. Diese Lebensbedingungen haben...



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